
Forschungsprojekt im Rahmen eines Research Fellowships am Kroc Institute for International Peace Studies
Sichtbarkeit wird häufig mit Anerkennung, Zugehörigkeit, Teilhabe und Gerechtigkeit verbunden. Gesehen zu werden gilt oft als Voraussetzung dafür, gehört zu werden und gesellschaftlich wirksam werden zu können, während Unsichtbarkeit meist mit Ausschluss oder Marginalisierung gleichgesetzt wird. Doch diese Annahmen greifen zu kurz. Sichtbarkeit macht nicht nur sichtbar – sie kann ebenso exponieren, kontrollieren und Verletzbarkeit verstärken. Unsichtbarkeit wiederum bedeutet nicht ausschließlich Ausschluss; sie kann auch Schutz bieten, Rückzug ermöglichen oder eine bewusste Form des Widerstands darstellen.
Seeing and Being Seen nimmt genau diesen Zwischenraum des Sehens und Gesehen-Werdens in den Blick – jenen relationalen Raum, in dem Wahrnehmung, Anerkennung, Macht und Verantwortung entstehen und fortlaufend verhandelt werden. Im Mittelpunkt steht nicht Sichtbarkeit als Eigenschaft einzelner Personen oder Bilder, sondern Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit als miteinander verwobene Prozesse, die durch Beziehungen, soziale Normen und Machtverhältnisse geprägt werden.
Aufbauend auf mehr als 23 Jahren praxisorientierter und transdisziplinärer Forschungsarbeit von Vera Brandner und IPSUM in unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten untersucht das Projekt, wie Menschen lernen sichtbar zu werden, sich zurückzuziehen, auf Blicke anderer zu reagieren oder selbst Verantwortung im Sehen zu übernehmen. Dabei werden individuelle Erfahrungen ebenso berücksichtigt wie institutionelle und gesellschaftliche Dynamiken.
Aus dieser Arbeit entsteht The Literacy of the (In-)Visible (LIV) – ein relationaler und transformativer Orientierungsrahmen. Literacy wird dabei nicht als technische Kompetenz verstanden, sondern als eine Form der Aufmerksamkeit und Sensibilität: für die Bedingungen, unter denen Sichtbarkeit stärkt oder verletzt, Unsichtbarkeit schützt oder ausschließt und für die Frage, wie die eigene Position Möglichkeiten und Grenzen für andere mitgestaltet.
Das Projekt lädt dazu ein, Friedensarbeit nicht nur als Suche nach Lösungen zu verstehen, sondern als Praxis der Beziehung: als fortlaufende Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir einander begegnen, wahrnehmen und Verantwortung füreinander übernehmen.
Team: Vera Brandner
Ort: South Bend, Indiana, USA
Fördergeber: Kroc Institute for International Peace Sudies
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